MR-Consulting:

Wie ein europäischer Datenstandard für die Versicherungsbranche mit Enterprise Architect entsteht

Whitehall in London

MR-Consulting und CEN/TC 445 modellieren die Zukunft des Finanzdatenzugriffs in Europa

In Zukunft soll eine europäische Verordnung regeln, wie auf grenzüberschreitende Versicherungsdaten zugegriffen werden kann  – ein Vorhaben, das weit mehr ist als nur ein politischer Beschluss aus Brüssel. Dahinter steht ein Datenmodell mit rund 4.500 Elementen, ein semantisches Prozessmodell nach BPMN und eine technische Spezifikation in OpenAPI, allesamt entwickelt mit Enterprise Architect von Sparx Systems. Im Zentrum des Projekts steht Dr. Manuel Reimer, Chair des CEN/TC 445 und Gründer von MR-Consulting. Enterprise Architect begleitet seine Arbeit seit mehr als zwei Jahrzehnten und hat sich für ihn als verlässliche Plattform für komplexe Normungsprojekte etabliert.

Ein Standard für ganz Europa

Die EU-Kommission plant mit der FIDA-Verordnung (Financial Data Access) einen verbindlichen Rahmen dafür, wie Kunden und autorisierte Datennutzer auf Finanz- und Versicherungsdaten zugreifen können. Das Problem: In Europa existiert bislang kein einheitlicher Standard dafür. Länder wie Österreich (OMDS), Deutschland (BIPRO), Belgien (Telebib), Niederlande (SIVI) oder Großbritannien (Polaris) haben eigene, historisch gewachsene Lösungen – gut etabliert, aber nicht kompatibel. Die Europäische Kommission hat deshalb CEN, das Europäische Komitee für Normung, im Rahmen ihres Arbeitsprogramms mit der Entwicklung eines europäischen Standards für den Kundendatenzugriff in der Versicherungsbranche beauftragt. Das Standardisierungsprojekt startete im Februar 2025.

Verantwortlich dafür ist das technische Komitee CEN/TC 445 „Digital Information Interchange in the Financial Industry”, 2016 gegründet, mit Sekretariat beim deutschen Normungsinstitut DIN. Den Vorsitz hat Dr. Manuel Reimer inne, der bereits seit 1985 in der deutschen und seit 1989 in der europäischen Normung aktiv ist. Er hat viele Jahre lang ein eigenes Softwareunternehmen für Versicherungsmakler geführt und 2006 den BIPRO e.V. mitgegründet – das deutsche Brancheninstitut für Prozessoptimierung in der Versicherungswirtschaft.

Am Projekt zur Standardisierung der Kundendatenschnittstelle beteiligen sich 13 Länder sowie die beiden europäischen Branchenverbände BIPAR und Insurance Europe – insgesamt 50 Expertinnen und Experten. Das Ergebnis der Bemühungen: der Europäische Standard EN 18356-1 „Customer Data Access and Portability in the Insurance Industry – Semantic interface and data model” sowie die dazugehörige technische Spezifikation CEN/TS 18356-2, die den Standard als OpenAPI-Spezifikation umsetzt. Die Veröffentlichung ist für 2027 vorgesehen.

Verfahren für den Zugriff auf Kundendaten (Customer Data Access Process) (c) MR-Consulting

Die Herausforderung: Komplexität sichtbar und handhabbar machen

Ein Datenmodell, das sämtliche Versicherungssparten – von Kfz- über Sach- und Haftpflicht- bis zu Lebens- und Rentenversicherung – sowie alle zugehörigen Prozesse, Rollen und Datenelemente abbildet, hat naturgemäß einen enormen Umfang. Allein für die Kfz-Versicherung umfasst das Modell über 400 Datenelemente, für die private und gewerbliche Sachversicherung noch einmal deutlich mehr. Insgesamt kommt der Standard auf rund 4.500 Datenelemente. „Unsere Versicherungsbranche ist aufgrund der unterschiedlichen Risiken und der marktspezifischen Produkte sehr komplex”, sagt Dr. Reimer. „Diese Komplexität lässt sich nicht in einem einzelnen Textdokument bändigen – sie braucht ein Werkzeug, mit dem sich Prozesse und Daten strukturiert modellieren, konsistent halten und in verschiedenen Formaten wiederverwenden lassen.“

Die Lösung: Ein Modell in Enterprise Architect, viele Ausgabeformate

CEN/TC 445 arbeitet auf zwei Ebenen und beide werden in Enterprise Architect vollständig abgebildet. Auf der fachlichen, semantischen Ebene entsteht zunächst das Prozessmodell in BPMN – etwa für den Ablauf einer Kundenanfrage oder den Zugriff eines berechtigten Datennutzers. Parallel dazu wird das fachliche Datenmodell in UML aufgebaut, das Objekte wie Versicherungspolizze, Vertragspartner, Produkte, Deckungen und Schäden mit Attributen und Beziehungen beschreibt.

Aus diesem einen Modell leitet das Team anschließend die technische Spezifikation ab: Der technische Prozessfluss wird als REST-Schnittstelle, das technische Datenmodell als JSON-Struktur in einer OpenAPI-Spezifikation umgesetzt. Damit folgt CEN/TC 445 konsequent dem etablierten Standardisierungsprinzip: erst die fachliche Semantik, dann die technische Syntax. „Was wir sehr stark schätzen: Die Daten werden in offenen Formaten abgespeichert. Dadurch können wir die verschiedenen Darstellungen unseres Datenmodells, ob textlich, als Excel-Tabellen, als Grafiken oder als HTML-Dokumentation, entweder direkt aus Enterprise Architect beziehen oder mit eigenen Programmen und Skripten selbst generieren”, erklärt Dr. Reimer.

Auch in einem internationalen Normungsumfeld bewährt sich dieser offene Ansatz: Über XMI-Exporte können die Modelle offen an andere Organisationen und Werkzeuge weitergegeben werden. Das ist wichtig, weil ein Normungsgremium seinen Anwendern keine bestimmte Software vorschreiben kann.

Dr. Manuel Reimer, Chair des CEN/TC 445 und Gründer von MR-Consulting 

Allgemeine Versicherungsbedingungen (General Insurance Policy) (c) MR-Consulting

Wie gut das in der Praxis funktioniert, zeigt ein Pilotprojekt in Lettland. Dort hat der lettische Verband der Versicherer die europäischen Datenmodelle übernommen, an nationale Anforderungen angepasst und anschließend automatisch in OpenAPI-Spezifikationen überführt. So entstand die Grundlage für ein Datennetzwerk zwischen den Versicherungsunternehmen und dem Verband. „Die baltischen Länder sind bei der Digitalisierung wirklich sehr weit, Estland und Lettland sind hier führend”, sagt Dr. Reimer.

Die Automatisierung reduziert nicht nur den Pflegeaufwand erheblich, sie sorgt vor allem auch dafür, dass Norm-Text, Diagramme und technische Spezifikation jederzeit konsistent bleiben – ein entscheidender Pluspunkt für das länderübergreifende Projekt. „Der große Vorteil ist, dass wir nichts doppelt pflegen müssen. Ändern wir das Datenmodell, wird automatisch auch die OpenAPI-Spezifikation neu generiert und die Dokumentation angepasst“, erklärt Dr. Reimer. „Dadurch werden Übertragungsfehler zwischen Datenmodell und Implementierung vermieden. Bei Datenmodellen mit tausenden Elementen, die man sonst mühsam von Hand oder per Copy-and-paste aus PDF-Dokumenten übernehmen müsste, ist diese Fehlerfreiheit eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale.”

Zwei Jahrzehnte Erfahrung als Fundament

Bei MR-Consulting hat der Einsatz von Enterprise Architect eine lange Tradition. „Enterprise Architect nutzen wir schon seit vielen, vielen Jahren – sicherlich seit Beginn der 2000er-Jahre”, sagt Dr. Reimer.  Dabei war der Weg dorthin kein Zufall, sondern das Ergebnis eines bewussten Vergleichs: „In den 90er-Jahren haben wir ein Produkt namens Edit aus den Niederlanden genutzt. Als das nicht mehr weiterentwickelt wurde, haben wir uns verschiedene Systeme angesehen, darunter auch Rational Rose von IBM – und uns dann für Enterprise Architect entschieden, weil es einfach die meisten Möglichkeiten bot und Sparx Systems sich auch sehr stark um die Normung gekümmert hat”, erinnert sich Dr. Reimer.

Entscheidend für die Wahl sei die Kombination aus Funktionsumfang, Offenheit und kontinuierlicher Weiterentwicklung: 

Das Produkt ist mit unseren Anforderungen mitgewachsen. Sparx Systems hat Enterprise Architect immer an neue Technologien angepasst. Einen Grund, die Wahl in Frage zu stellen, gab es nie: Wir schätzen Enterprise Architect sehr – auch wegen des hervorragenden Supports und der kontinuierlichen Weiterentwicklung.

Dr. Manuel Reimer

Chair des CEN/TC 445 und Gründer von MR-Consulting

Blick nach vorn

Mit EN 18356-1 und CEN/TS 18356-2 schafft CEN/TC 445 die Grundlage für nationale und grenzüberschreitende FIDA-Schemata in der Versicherungsbranche. Bestehende nationale Standards lassen sich über Mapping-Mechanismen an den europäischen Standard anbinden, sodass Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Marktlösungen möglich wird. Die Reise ist damit aber nicht zu Ende: Im Annual Union Work Programme 2026 hat die EU-Kommission mit „Action 28″ bereits weiteren Bedarf für Standardisierungen im Finanzsektor angekündigt – etwa für Kreditverträge, Finanzanlagen oder Kreditwürdigkeitsdaten. CEN/TC 445 hat daher sein Mandat im Sommer 2026 entsprechend erweitert.

Aus seiner Erfahrung mit mittlerweile zwei großen europäischen Modellierungsprojekten leitet Dr. Reimer eine klare Empfehlung für andere Normungsgremien ab: „Wichtig ist ein Tool, das den kompletten Prozess der Datenmodellierung unterstützt. Nur so lässt sich vermeiden, dass irgendwo im Prozess ein Medienbruch entsteht.”

Für Dr. Reimer steht deshalb außer Frage, dass auch künftige europäische Normungsprojekte auf Enterprise Architect entstehen werden: „Für die kommenden Standards im Finanzsektor werden wir mit Sicherheit wieder Enterprise Architect nutzen. Wir verfügen über das Know-how, können bestehende Modelle weiterentwickeln und haben ein Werkzeug, das den gesamten Prozess von der fachlichen Modellierung bis zur fertigen OpenAPI-Spezifikation unterstützt.”

Mehr Informationen zum Projekt von CEN/TC 445 finden sich unter tc445.info.

 

Über SparxSystems Europe 

Sparx Systems Pty Ltd (Australien) wurde 1996 gegründet und ist Hersteller von Enterprise Architect, einer weltweit erfolgreichen UML-Modellierungsplattform. Enterprise Architect dient zum Entwurf und zur Herstellung von Softwaresystemen, zur Geschäftsprozessmodellierung und zur Modellierung beliebiger Prozesse oder Systeme. Enterprise Architect wird von über 1 Million Nutzern für seine Leistungsfähigkeit zu einem unschlagbaren Preis geschätzt. Enterprise Architect ist eine verständliche, auf Team-Arbeit ausgerichtete Modellierungs-Umgebung, die Unternehmen bei der Analyse, dem Design und der Erstellung von exakt nachvollziehbaren und dokumentierten Systemen unterstützt. Mit Hilfe dieses Werkzeugs werden Unternehmen befähigt, das oft sehr verteilte Wissen von Teams und Abteilungen zentral zu sammeln und darzustellen. 

Um den zahlreichen Kunden in ihrer Sprache und Zeitzone bestes Service rund um Enterprise Architect bieten zu können, wurde 2004 die SparxSystems Software Europe geschaffen, die die gesamte deutschsprachige Region beim Lizenzerwerb sowie durch Training und Consulting unterstützt. SparxSystems Software Europe ist eine Geschäftseinheit der Lieber.Group.