ECOMAI gewinnt PENTA Innovation Award 2025
Wie SparxSystems Europe mit modellbasierter Entwicklung den Weg für zertifizierbare KI in Embedded-Systemen ebnet
Große Bühne für eine große Idee: Das europäische Forschungsprojekt ECOMAI (Ecological Motor Control and Predictive Maintenance with AI) ist im Oktober 2025 mit dem renommierten PENTA Innovation Award ausgezeichnet worden. ECOMAI zeigt, wie sich Künstliche Intelligenz in sicherheitskritischen Embedded-Systemen nachvollziehbar, zertifizierbar und industriell skalierbar einsetzen lässt. Es verbindet modellbasierte Systementwicklung (MBSE), Explainable AI und energieeffiziente Edge-Hardware zu einem durchgängigen Entwicklungsansatz – und gilt damit als Blaupause für den Einsatz von KI in regulierten Industrieumgebungen. Das Projekt adressiert dabei aber keineswegs die nächste Generation großer Sprachmodelle; ECOMAI steht vielmehr für eine andere Art von KI, nämlich für Tiny Machine Learning (TinyML).
ECOMAI ist ein Projekt im Rahmen des Eureka-Clusters PENTA, einem europäischen Innovationsnetzwerk zur Förderung von Forschung und Entwicklung im Bereich Mikro- und Nanoelektronik. Ziel des Clusters ist es, Kooperationen zwischen Industrie, Hochschulen und Forschungseinrichtungen zu stärken und gemeinsam technologische Lösungen für zentrale Herausforderungen von Wirtschaft und Gesellschaft zu entwickeln.
Mit dem PENTA Innovation Award werden Projekte ausgezeichnet, die technologische Exzellenz mit industrieller Relevanz und ökologischer Wirkung verbinden. Die Jury würdigte insbesondere den Beitrag von ECOMAI zur nachhaltigen und intelligenten Steuerung elektrischer Antriebe durch den Einsatz von KI unter realen industriellen Rahmenbedingungen.
„Der Award zeigt auch, dass österreichische Entwicklungsleistung international sichtbar ist und sich gezielte Forschungsförderung auszahlt“, freut sich Peter Lieber, Head of Business Development von SparxSystems Europe.
Peter Lieber, Gründer und Head of Business Development von SparxSystems Europe mit Salomé Wagner, ECOMAI-Projektleiterin von SparxSystems Europe.
SparxSystems Europe als Enabler
Elf Partner aus Deutschland, Österreich und der Türkei waren an dem Projekt beteiligt, darunter der Halbleiterhersteller Infineon, die Technische Universität Wien und das Software Competence Center Hagenberg (siehe Faktenbox). Eine zentrale Rolle spielte dabei SparxSystems Europe: Als methodischer Enabler verantwortete das Unternehmen die modellbasierte Systemarchitektur und schuf mit ECOMOD ein durchgängiges Entwicklungsframework, das TinyML-gestützte Embedded-Systeme erstmals vollständig modellier-, test- und zertifizierbar macht.
Kaum ein anderes Thema verbindet Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Industrieeffizienz so unmittelbar wie der elektrische Antrieb. Studien zufolge entfallen rund 40 Prozent des globalen Stromverbrauchs auf elektrische Motoren – von der industriellen Fertigung über Verkehrssysteme bis hin zur Gebäudetechnik – und damit verbunden rund 20 Prozent der globalen CO₂-Emissionen. Hier setzt ECOMAI an: Durch den Einsatz von Edge-AI, also direkt im Antrieb integrierter künstlicher Intelligenz, sollen Energieverbrauch, Wartungsaufwand und CO₂-Ausstoß signifikant reduziert werden. Entscheidend ist dabei, dass diese Intelligenz nicht als isolierte Einzellösung entsteht, sondern als reproduzierbarer und skalierbarer Ansatz für industrielle Serienanwendungen.
„Für uns war ECOMAI von Beginn an kein klassisches Forschungsprojekt, sondern die Möglichkeit zu zeigen, wie sich KI systematisch und industriell beherrschbar entwickeln lässt. Modellbasierte Methoden sind der Schlüssel, um KI-Systeme transparent, nachvollziehbar und langfristig wartbar zu machen – und das wiederum ist die Voraussetzung, um sie in die industrielle Serienanwendung zu bringen“, betont Lieber.
ECOMOD – das methodische Herz
Eines der Hauptziele von ECOMAI war die Steigerung der Energieeffizienz elektrischer Antriebssysteme. Fünf Prozent Energieeinsparung galten als Mindestziel – ein Wert, der im Projektverlauf deutlich übertroffen wurde.
In drei Projektjahren (2022 bis 2025) entwickelte das Konsortium eine umfassende Lösung aus Hardware, Software und Modellierungsplattformen. SparxSystems Europe verantwortete dabei den methodischen Unterbau: die modellbasierte Entwurfs- und Simulationsmethodik ECOMOD, die als digitales Rückgrat des Projekts fungierte.
ECOMOD steht für „ECOMAI Modelling Toolbox“ – eine von SparxSystems Europe entwickelte Methodik, die auf SysML, einer grafischen Modellierungssprache für die Systemtechnik, basiert. ECOMOD überträgt den Ansatz des modellbasierten System Engineerings konsequent auf KI-gestützte Embedded-Systeme und verbindet klassische Systemarchitektur mit Explainable AI (XAI), also nachvollziehbarer künstlicher Intelligenz.
Durch die Integration von Decision Model and Notation (DMN) lassen sich neuronale Entscheidungen in verständliche Regelmodelle übersetzen – und damit erstmals eine durchgängige Traceability von der Anforderung über das Systemmodell bis hin zum Testfall herstellen. Das ist eine zentrale Voraussetzung für Zertifizierungen und für den Einsatz von TinyML unter regulatorischen Vorgaben wie dem EU AI Act oder funktionalen Sicherheitsnormen.
Der Durchbruch liegt dabei nicht in der Intelligenz selbst, denn TinyML ist technisch bereits heute realisierbar. Er liegt vielmehr in der Einbettung in modellierte und zertifizierbare Entwicklungsprozesse. Ohne modellbasierte Methodik hat TinyML keine praktische Relevanz, denn was sich nicht zertifizieren lässt, lässt sich nicht vermarkten. ECOMOD schließt diese Lücke. „Für uns ist die Botschaft klar: ‚KI’ ist austauschbar. TinyML ist positionierbar. Und zertifizierbare TinyML mit MBSE ist differenzierend“, so Lieber.
TinyML – die Schlüsseltechnologie für industrielle KI
TinyML ist keine Miniaturausgabe generativer KI, sondern eine strategische Architekturentscheidung: Rechenleistung wandert zurück an die Maschine. Während generative KI auf leistungsstarken Cloud-Servern oder spezialisierten ML-Beschleunigern läuft und auf permanente Netzwerkverbindungen angewiesen ist, verlagert TinyML die KI-Inferenz vollständig auf Chips direkt am Ort der Datenerfassung. Das ist für funktionale Sicherheit relevant, weil die Entscheidung im System selbst fällt und nicht von externen Diensten abhängt. Gleichzeitig funktioniert TinyML auf ressourcenarmer, kostengünstiger Hardware – bis hin zu Mikrocontrollern mit Stückkosten unter 1 Euro. Damit ist TinyML im Vergleich zu LLMs eine deutlich kostengünstigere und energie-effizientere Art, KI einzusetzen.
„ECOMAI hat gezeigt, dass moderne Mikrocontroller bereits Mini-Neural-Processing-Units integrieren und damit effiziente KI-Modelle für Echtzeit-Motorsteuerung, prädiktive Wartung und andere eingebettete Anwendungen direkt am Ort der Datenerfassung ausführen können“, stellt Dr. Daniel Müller-Gritschneder, Professor an der TU Wien fest.
Elektrische Motor- und Antriebssysteme bilden die Grundlage nahezu aller modernen bewegten Systeme, aber nur wenige von ihnen integrieren bislang KI-Erweiterungen auf Ebene der Antriebsregelung. Die Ergebnisse von ECOMAI besitzen deshalb erhebliches Marktpotenzial. „Diese Ultra-Low-Power und zugleich kosteneffizienten Lösungen bilden ein Marktsegment, das stark wächst und für das Prognosen in den kommenden Jahren Milliardenumsätze erwarten“, konstatiert Müller-Gritschneder. Marktstudien wie der Report „Artificial Intelligence (AI) Chips Market“ gehen für KI-Chips von einer jährlichen Wachstumsrate von 36,6 Prozent aus, der Markt für Motorsteuerungschips soll jährlich mit rund 8 Prozent wachsen. Und auch für elektrische Antriebssysteme und Predictive-Maintenance-Systeme werden mindestens 8 Prozent Wachstum pro Jahr vorausgesagt.
Damit entsteht eine Alternative zu cloudzentrierten KI-Architekturen, die besonders für industrielle und sicherheitskritische Anwendungen in Europa strategisch relevant ist.
Dr. Daniel Müller-Gritschneder, Professor an der TU Wien
Quelle: Phani Bhushan Athlur/medium.com
Voller Erfolg für ECOMAI
ECOMAI erfüllte sämtliche im Projekt definierten Key Performance Indikatoren und überzeugte auch in der praktischen Umsetzung. Dies zeigten zahlreiche Demonstratoren, die im Rahmen der finalen PENTA-Review im September 2025 präsentiert wurden.
Infineon stellte einen „Tiny Reinforcement Learning Agent“ vor, der auf Standard-Mikrocontrollern lauffähig ist und Motorströme in Echtzeit optimiert. Damit lassen sich Energieeinsparungen von rund sieben Prozent erzielen. In Simulationen zeigte der Tiny Reinforcement Learning Agent eine verbesserte Störunterdrückung bei gleichzeitig reduziertem Energiebedarf. Damit demonstriert ECOMAI, dass sich lernbasierte Regelungsverfahren auch auf stark ressourcenbeschränkter Hardware sinnvoll einsetzen lassen, ohne die Energieeffizienz zu beeinträchtigen.
Die deutschen Unternehmen Moteon und FEAAM demonstrierten KI-basierte Regelungsstrategien für Permanentmagnet-Synchronmotoren (PMSM), die im WLTP-Fahrzyklus (Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure) signifikante Effizienzgewinne zeigten. Die eingesetzten Methoden führten zu einer Reduktion des benötigten Speichers um 97 Prozent und machten damit den praktischen Einsatz von KI in speicherlimitierten Embedded-Systemen erst möglich. Reale Testumgebungen wiesen dabei eine Energieeinsparung von 0,65 bis 4 Prozent gegenüber bereits stark optimierten Basislösungen nach – ein in der Praxis bemerkenswert hoher Wert.
Das türkische Unternehmen Albayrak präsentierte ein vorausschauendes Wartungssystem für Bahn-Schiebetüren, das Ausfälle bis zu 24 Stunden im Voraus erkennt. Sensoren erfassen Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Schwingungen; eine lernfähige KI identifiziert frühzeitig Anomalien und leitet Wartungsmaßnahmen ein, bevor es zu Störungen kommt. Die Systemverfügbarkeit konnte damit von 99,4 auf 99,9 Prozent gesteigert werden – ein messbarer Beleg für den praktischen Nutzen prädiktiver KI-Wartung. „Eine KI-basierte Zustandsüberwachung als Lösung für Predictive Maintenance erhöht den Wert des Systemdesigns und stärkt dessen Wettbewerbsfähigkeit am Markt“, freut sich Necim Kirimca, Project Team Manager bei Albayrak.
Weitere Demonstratoren reichten von einem KI-gestützten Ultraschallsensor zur Prozessüberwachung (usePAT) bis zu einer energieeffizienten Robotersteuerung für Reha-Anwendungen (neuroConn). Alle Anwendungen basierten auf einem gemeinsamen methodischen Fundament: der ECOMOD-Systemarchitektur, modelliert mit Enterprise Architect von SparxSystems.
Genau darin liegt für Peter Lieber der eigentliche Kern des Projekts. Die Demonstratoren sind für ihn weniger Endpunkt als Beleg der Tragfähigkeit des Ansatzes. „Der eigentliche Erfolg von ECOMAI liegt darin, dass wir einen übertragbaren Entwicklungsansatz geschaffen haben, der sich auf unterschiedliche Branchen und Anwendungen skalieren lässt – überall dort, wo KI auf Embedded-Hardware unter klaren Rahmenbedingungen eingesetzt wird“.
Vom Forschungsprojekt zur Toolbox
Mit dem erfolgreichen Projektabschluss im September 2025 begann für ECOMAI die nächste Phase: der Transfer in die industrielle Anwendung. SparxSystems Europe hat dafür das ECOMOD-Toolkit – inklusive Modellvorlagen, Prozessdefinitionen und Profilen für Enterprise Architect – unter der liberalen Open-Source-Lizenz MIT öffentlich zugänglich gemacht. „Der Ansatz von SparxSystems ist es, aus öffentlich geförderten Forschungsergebnissen keinen unmittelbaren Produktumsatz zu generieren“, sagt Lieber. „Unser Geschäftsmodell liegt in Schulungen, Trainings und methodischer Begleitung. In Kombination mit dem offenen Toolkit entsteht so ein skalierbares Paket für Unternehmen, die KI in sicherheitskritischen Embedded‑Systemen regelkonform einführen wollen.“
Bereits auf der embedded world 2025 in Nürnberg wurde das Toolkit prominent präsentiert. Am Gemeinschaftsstand des Konsortiums reichten die gezeigten Bausteine von spezialisierter KI-Hardware über energieeffiziente Compiler bis hin zum vollständigen MBSE-Development-Kit. Erste Industriepartner haben ECOMOD bereits in eigene Entwicklungsprozesse integriert. Die Anwendungen reichen von Motorsteuerung über Predictive Maintenance bis in den Gesundheitssektor. Damit entwickelt sich ECOMOD vom Forschungsergebnis zu einem praxiserprobten Entwicklungsstandard für zertifizierbare KI auf Embedded-Hardware. „Die Kombination aus Modellierung, Explainability und Traceability schafft nicht nur Vertrauen in KI, sie ist die Voraussetzung, um KI in regulierten Märkten wirtschaftlich einsetzen zu können“, so Lieber.
Das Projekt hat zudem erheblichen akademischen Output generiert: Acht Masterarbeiten, eine Doktorarbeit und sieben wissenschaftliche Publikationen – darunter eine mit Best Paper Award ausgezeichnete Arbeit – dokumentieren die Forschungstiefe hinter den Demonstratoren. Weitere Ausbildungsprogramme werden an Universitäten aufgebaut und damit neue Arbeitsplätze geschaffen.
„Mit ECOMAI hat SparxSystems Europe gezeigt, dass modellbasierte Systementwicklung weit mehr ist als Dokumentation: Sie ist ein strategischer Schlüssel, um KI verständlich, zertifizierbar und nachhaltig in die industrielle Praxis zu überführen“, fasst Lieber zusammen.
Faktenbox
ECOMAI – Zertifizierbare KI für Embedded-Systeme
Projektname:
ECOMAI – Ecological Motor Control and Predictive Maintenance with AI
Programm:
EUREKA-Cluster PENTA (AENEAS)
Laufzeit:
Mai 2022 – September 2025
Projektziel:
Entwicklung eines durchgängigen, modellbasierten Ansatzes zur Integration von KI in energieeffiziente, sicherheitskritische Embedded-Systeme – mit Fokus auf Nachvollziehbarkeit, Zertifizierbarkeit und industrielle Skalierbarkeit.
Koordinator:
Infineon Technologies AG (Deutschland)
Auszeichnung:
PENTA Innovation Award 2025, verliehen am 9. Oktober 2025 in Riga
Konsortialpartner und Beiträge
Infineon Technologies AG (DE)
Projektkoordination; Entwicklung einer Edge-AI-fähigen Hardwareplattform sowie Implementierung eines „Tiny Reinforcement Learning Agent“ zur energieeffizienten Motorregelung.
Moteon GmbH (DE)
Entwicklung und Integration KI-basierter Regelungsalgorithmen für Permanentmagnet-Synchronmotoren (PMSM) mit Fokus auf Echtzeitfähigkeit und Effizienz.
FEAAM GmbH (DE)
Simulation und Evaluierung elektrischer Antriebsarchitekturen; Nachweis messbarer Energieeinsparungen im WLTP-Fahrzyklus.
neuroConn GmbH (DE)
Entwicklung einer energieeffizienten Robotersteuerung für Reha-Anwendungen mit KI-basierter Regelung und sicherheitsgerichteter Datenanalyse.
Technische Universität München (DE)
Lead-Partner für AI-Compiler-Technologien zur Reduktion von Speicherbedarf und Laufzeit; Beteiligung an der Entwicklung eines Hardware-Chip-Prototyps.
Technische Universität Ilmenau (DE)
Forschung zu modellbasierten KI-Algorithmen und Simulation von Edge-AI-Systemen; wissenschaftliche Evaluierung der Gesamtarchitektur.
SparxSystems Europe (AT)
Entwicklung der modellbasierten Methodik ECOMOD als methodisches Rückgrat des Projekts; Integration von SysML, Explainable AI (XAI) und DMN in Enterprise Architect.
usePAT GmbH (AT)
Entwicklung eines KI-gestützten Ultraschallsensors zur industriellen Prozessüberwachung und Zustandsdiagnose in Echtzeit.
Technische Universität Wien (AT)
Unterstützung bei modellbasierter Systemintegration und Validierung; Beitrag zur ECOMOD-Toolchain sowie zu Schulungs- und Trainingskonzepten.
Software Competence Center Hagenberg (AT)
Anwendungsorientierte Forschung in den Bereichen Software Science und Data Science mit Schwerpunkt auf AI Systems Engineering und energieeffizienten KI-Algorithmen.
Albayrak Makine (TR)
Entwicklung eines Predictive-Maintenance-Demonstrators für Türantriebe im Bahnsektor; KI-gestützte Auswertung von Sensordaten zur frühzeitigen Fehlererkennung.
Ergebnisse im Überblick
- Alle 13 Projekt-KPIs erreicht – von der Simulation bis zum funktionsfähigen Prototyp
- Nachweisbare Energieeinsparungen bei PMSM-Antrieben durch KI-basierte Regelung
- Funktionsfähige Demonstratoren für Motorsteuerung, Predictive Maintenance, Sensorik und Reha-Technik
- Veröffentlichung der ECOMOD-Toolbox (Open Source)
- Nachhaltiger Wissenstransfer durch Workshops und offene Dokumentation



